Verräterin

Morgen werde ich eine meiner Klientinnen anrufen, aber ich gehe nicht davon aus, dass sie mit mir sprechen möchte. Als ich B. letzte Woche gesehen habe, hat sie mir gedroht, mich anzuzeigen und ich kann sogar verstehen, warum sie das gesagt hat. Schließlich war nicht nur ich und einer meiner Kollegen bei ihr, sondern auch vier Sanitäter, ein Notarzt, zwei Polizisten sowie drei Leute von der Feuerwehr. Und alle waren da, weil mein Kollege die 112 gewählt hat.

B. ist eine junge Frau, 29 Jahre alt. Ihr Studium der Chemie hat sie vor drei Jahren unterbrochen, weil sie erkrankt ist. Sie wird bereits seit zwei Jahren von unserem Team unterstützt, aber seit dem Sommer spitzten sich die Sympotme ihrer Erkrankung langsam aber sicher zu. Meine Klientin ist sie erst seit September. Sie wollte die Bezugsperson wechseln, weil sie meinen Kollegen vorwirft, in ihre Wohnung eingedrungen zu sein und dort etwas in ihren Kalender gemalt zu haben.

In den Gesprächen mit mir war viel die Rede davon, wie andere sie verletzt haben, dass andere ihr Offenheit missbraucht haben, sie deshalb niemandem mehr vertrauen kann. Bereits in ihrer Familie seien ihr Grenzen nicht geachtet worden, habe sie Gewalt erfahren.

Letzte Woche nun, ein Tag nach Weihnachten, war sie eindeutig psychotisch, hat einen Kollegen angegangen, hat Personen nicht mehr richtig zuordnen können, hat ihrer Nachbarin eine Tüte mit Wäsche vor die Türe gestellt und angezündet und stand schließlich wild schimpfend mit einem Pfefferspray vor uns, gleichzeitig voller Wut und Angst.

Mein Kollege und ich wollten nicht verantworten, sie so zurück zu lassen. Da sie nicht nur uns misstraut, sondern eigentlich dem ganzen Hilfesystem hat sie keinen Psychiater oder Psychiaterin, nimmt keine Medikamente und macht keine Therapie. Also haben wir den Notarzt angerufen, damit sie in die Klinik gebracht wird. Gegen ihren Willen. Was folgte war das ganz große Aufgebot, inklusive dem Aufbrechen ihrer Wohnung, wo sie sich im Badezimmer verschanzt hatte, so dass diese Türe ebenfalls gewaltsam geöffnet werden musste. Ihre große Angst, dass ihre Grenzen nicht geachtet werden, dass ihr persönlicher Raum verletzt wird, dass sie niemandem vertrauen kann, auch mir nicht, all das wurde wahr – mal wieder?

Während all das passierte, ich B. in Panik in ihrem Badezimmer schreien hörte, sagte mir mein Verstand, dass wir richtig gehandelt hatten, dass B. in die Klinik muss, dass ihr dort geholfen wird. Aber gefühlt habe ich mich wie eine Verräterin.

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