Was ist eigentlich eine professionelle Beziehung?

Was mich von Anfang an in meiner Arbeit beschäftigt, ist die Frage, wie ich eigentlich das Verhältnis zu meinen Klienten gestalte. Was für eine Art von Beziehung ist das? Welche Regeln gelten dafür? Wieviel Nähe ist gut und ab welchem Punkt wird es eigentlich zu nah? Was ist zu nah für mich? Was ist zu nah für meine Klientinnen und Klienten? Und wie kann ich das aktiv beeinflussen, also wie stelle ich gezielt einen bestimmten Abstand ein?

Womöglich sind das Themen, mit denen ich mich bereits während meines Studiums hätte beschäftigen können, habe ich aber nicht – aus vielerlei Gründen. Und da ich erst 16 Jahre nach dem Ende meines Studiums in der sozialen Arbeit gelandet bin, hätte wahrscheinlich sowieso das allermeiste vergessen. Und ohne die konkrete zu reflektierende Erfahrung, wäre alles Theoretische mit Sicherheit sehr blutleer gewesen. Nun habe ich aber drei Jahre Erfahrung gesammelt und kann ein paar Schlüsse daraus ziehen, wohl wissend, dass ich bei dem Thema noch lange nicht zu Ende bin.

Wofür Nähe gut ist

Eine positive Beziehung ist tatsächlich das zentrale Element der guten Zusammenarbeit mit meinen Klientinnen und Klienten. Dazu gehört auf jeden Fall ein gewisses Maß an Vertrauen. Denn sie müssen einiges von sich Preis geben, damit ich sie unterstützen kann. Egal ob es jetzt darum geht, mir ihre Post zu zeigen oder sich von mir begleiten zu lassen, weil sie alleine zu viel Angst vor einem bestimmten Termin oder überhaupt davor haben, das Haus zu verlassen. Ob es darum geht, von ihren Beziehungen zu anderen Menschen zu erzählen oder davon, welche illegalen Substanzen sie konsumieren. Schließlich schämen wir uns doch gerade für Sachen, die wir nicht gut hinbekommen oder die einfach nicht gut laufen, und diese Dinge muss jemand offenbaren, um Unterstützung bekommen zu können. Die vernachlässigte Wohnung, der vernachlässigte Körper, die ungeöffnete Post, der gewalttätige Freund, die verrückte Mutter, die Schulden, das Versagen, das Ungenügen, die Traurigkeit, das Erstarren, das Vermeiden, die Angst, die ANGST.

Und wie geht das nun mit der positiven Beziehung, mit dem Vertrauen? Wie stelle ich das her? Indem ich mich für mein Gegenüber interessiere, ernst nehme, was mir jemand sagen möchte, indem ich seine Gedanken und Handlungen verstehen will und dabei darauf achte, ihn oder sie nicht zu sehr zu bedrängen, indem ich Raum gebe, Kontrolle lasse. Indem ich die positiven Seiten einer Person wertschätze, indem wir gemeinsam lachen, die gemeinsame Zeit genießen. Indem ich mich verlässlich und gut einschätzbar mache für mein Gegenüber.

Für mich heißt das auch, dass ich von mir erzähle und meinen Klientinnen und Klienten die Möglichkeit gebe, mich kennen zu lernen. Wenn mich jemand etwas fragt, dann gebe ich in der Regel auch eine ehrliche Antwort darauf. Das heißt, meine Klientinnen und Klienten können wissen, wohin ich in den Urlaub fahre, was ich an Weihnachten mache, welche Serien ich gerne schaue, dass ich keine Kinder habe, in meiner Freizeit Gemüse anbaue, Yoga und Aikido mache, mit meinem Freund zusammen wohne usw. Mir ist durchaus bewusst, dass Therapeutinnen und Therapeuten nicht so viel von sich erzählen und dafür haben sie bestimmt gute Gründe und vermutlich können sie trotzdem Nähe herstellen. Das ist hier auch sicherlich nicht als Anleitung oder gute Praxis zu lesen, sondern einfach das, wie ich es mache oder auch machen möchte. Heißt ja auch nicht, dass es mir immer gelingt, eine positive Beziehung aufzubauen.

Wie nah ist zu nah für mich?

Was für mich zu nah ist, das habe ich noch nicht fertig mit mir ausgehandelt. Aber ich bin manchmal an Punkte gekommen, wo ich gemerkt habe, dass mir etwas zu Nahe geht, ich also offensichtlich eine für mich hilfreiche Distanz unterschritten habe. So war ich zum Beispiel ein Jahr die Bezugsperson einer sehr psychoseanfälligen temperamentvollen Südamerikanerin, einige Jahre älter als ich, die mich immer wieder sehr angerührt hat. In guten Zeiten konnte sie sich auf die Unterstützung einlassen, war sehr freundlich, wir haben zusammen gelacht und Kaffee getrunken und haben gemeinsam die Scherben der letzten Psychose zusammengekehrt wie horrende Telefonrechnungen beglichen, weggeworfene Handys oder Fernseher wiederbeschafft, uns um Anzeigen wegen Körperverletzung gekümmert usw. In schlechten Zeiten hat sie die Unterstützung gekündigt, ist schimpfend und obszöne Gesten machend im Büro aufgetaucht, hat die Nachbarn angegriffen und wurde oft von der Polizei in die psychiatrische Klinik gebracht. Dann hat sie mir auch immer wieder vorgeworfen, Fehler zu machen, eine schlechte Sozialarbeiterin und ein böser Mensch zu sein. Natürlich war mir immer klar, dass dies Ausdruck ihrer Erkrankung ist und anfangs konnte ich das auch problemlos wegstecken, aber zunehmend merkte ich, wie es mich persönlich verletzte, wenn sie mich beschimpfte, vor allem wenn es mir selbst nicht so gut ging. Durch die Nähe zu ihr, hatte ich mich zu verletzlich gemacht, um weiterhin gut mit ihr zusammenzuarbeiten.

Nun mag das ein extremes Beispiel sein und in der Praxis nicht ständig vorkommen. Aber dass mich das Schicksal der Klientinnen und Klienten zu sehr mitnimmt, habe ich öfter erlebt. Dass ich einmal mit einer Klientin zusammen geweint habe, dass mich die Depression eines jungen Mannes zu tief nach unten gezogen hat oder dass ich mir ernsthafte Sorgen um jemanden mache, kommt immer wieder vor und da ist der Grat schmal, auf dem ich mich bewege.

Was ist für die Klientinnen und Klienten zu nah?

Da wird es natürlich gleich ein bisschen schwieriger, einen Gradmesser zu finden, schließlich haben die Klientinnen und Klienten sicher unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe und halten Nähe unterschiedlich gut aus. Was ich eindeutig zu nah finde, ist wenn ich meine eigenen Bedürfnisse nach Zuneigung, Anerkennung o.ä. versuche in einer professionellen Beziehung zu befriedigen. Schließlich geht es da nicht um mich. Und darüber hinaus sind nicht wenige Klientinnen und Klienten so aufgewachsen, dass ihre Bedürfnisse hinter denen von nahen Bezugspersonen zurück gestanden sind und da ist es sicher besonders wichtig, Beziehungserfahrungen machen zu können, die frei von emotionalen Ansprüchen sind.

Da viele psychische Erkrankungen mit Schwierigkeiten in Beziehungen zu anderen Menschen einhergehen, sollte ich distanziert genug sein, um nicht alle Verhaltensweisen gleich persönlich zu nehmen, also zum Beispiel nicht beleidigt zu sein, wenn jemand abweisend zu mir ist. Auch ist sicher nicht hilfreich, sich zu sehr von den Gefühlen der Angst, Hoffnungslosigkeit usw. der Klienten mitnehmen zu lassen. Denn dann kann ich keinen Halt mehr bieten.

Wie entsteht Distanz?

Anfangs hat es mich bei der Arbeit eher irritiert, dass wir unsere Klientinnen und Klienten in der Regel siezen, während sich alle Kolleginnen und Kollegen bei meinem Arbeitgeber duzen. Irritierend ist das deshalb, weil ich einige Kolleginnen fast nicht kenne und sie duze, während ich mit einigen Klienten recht vertraut bin und sie dabei sieze. Aber sicher ist es ein deutliches Zeichen, dass es sich hier um eine professionelle Beziehung handelt. Auch ist mein Diensttelefon am Abend und am Wochenende aus, da bin ich nicht erreichbar.

Und zwischen mir und den Klienten gibt es außer einem Handschlag keine körperlichen Berührungen. Ob das richtig ist, weiß ich nicht, schließlich glaube ich bei manchen zu spüren, dass sie durchaus auch mal gerne in den Arm genommen werden würden und ganz ehrlich, wenn ich ein weinendes Häufchen Elend vor mir habe, denke ich selbst bisweilen, eine Umarmung wäre eigentlich hier die richtige Maßnahme, wenn ich jemanden mit Worten nicht mehr erreichen kann. Aber da habe ich eine persönliche Grenze. Und da es einige Klientinnen und Klienten gibt, die körperlichen Missbrauch erfahren haben, sehe ich die körperliche Distanz auch als Schutz für sie an.

Soweit meine Überlegungen. Wie schwierig die Umsetzung ist, wird bestimmt in den nächsten Blogbeiträgen zu lesen sein.

Ein Gedanke zu “Was ist eigentlich eine professionelle Beziehung?”

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