Vom Klient zum Freund

Nachdem ich im vorherigen Blogbeitrag ausführlich dargestellt habe, wie wichtig es ist, die richtige Distanz zu den Klientinnen und Klienten einzunehmen, kommt jetzt ein Beispiel dafür, warum das nicht immer einfach ist und warum es auch schön sein kann, mal einen professionellen Grundsatz über Bord zu werfen.

Denn da ist Stephan, den ich fast zwei Jahre als meinen Klienten unterstützt habe, der ist vor ziemlich genau einem Jahr nach Hamburg gezogen, um dort zu studieren. Er ist zwar kaum mehr als halb so alt wie ich, aber klug und witzig und war einer meiner Lieblingsklienten, denn wir haben viel miteinander gelacht. Mir ist das selbst oft gar nicht so aufgefallen, aber eine Kollegin meinte zum Beispiel ganz neidisch, sie möchte jetzt auch mal einen Klienten, mit dem es so viel zu Lachen gäbe. Gemeinsam haben wir den Umzug nach Hamburg vorbereitet und haben viel Zeit miteinander verbracht. Die ursprünglich einstündigen Termine haben irgendwann so lange gedauert bis ich den nächsten Termin hatte und das waren dann oft direkt mal zwei Stunden. Und nachdem klar war, dass er sowieso in ein paar Wochen weg sein würde, habe ich mir auch keinen Kopf darüber gemacht, es gab schließlich viel zu tun und zu reden.

Nun ist es natürlich nicht ganz leicht, in einer fremden Stadt Fuß zu fassen und deshalb war ich immer etwas besorgt, er könne im fremden Hamburg in ein Loch fallen. Dass er bisweilen suizidale Krisen hatte, wusste ich und deshalb hatte ich vor, in der ersten Zeit ab und an mit ihm zu telefonieren – zumindest so lange, bis er beim Ambulant Betreuten Wohnen in Hamburg gut gelandet war.

Also haben wir ungefähr alle zwei Wochen miteinander telefoniert, wie ich das so beim Arbeiten mache, mit Termin. Und nach zwei/drei Monaten hatte ich das Gefühl, so aus professioneller Sicht kann ich jetzt loslassen. Aber auf einer persönlichen Ebene irgendwie nicht. Also habe ich gesagt, „Ich lasse Sie frei“ und habe ein kurzes Stutzen in der Leitung ob meiner kryptischen Bemerkung gehört und dann erklärt, wie ich es meine: Dass ich weiter gerne Kontakt zu ihm hätte, wir das Verhältnis jetzt aber insofern normalisieren, dass wir dafür keine Termine mehr machen, sondern uns über Nachrichten oder am Telefon so austauschen, wie wir wollen.

Und so habe ich nicht mehr während meiner Arbeitszeit Kontakt zu ihm gehabt, sondern während meiner Freizeit ab und an mit ihm telefoniert. Und als er über Weihnachten hier im Süden zu Besuch war, haben wir uns getroffen und einen netten Abend miteinander verbracht, an dem dann noch der letzte professionelle Anstrich abgekratzt wurde, das Sie. Und nun telefonieren wir regelmäßig miteinander, sehen uns alle paar Monate, wenn er hier im Süden ist. In Hamburg habe ich ihn auch schon besucht und wir hatte viel Spaß dabei, gemeinsam durch die Stadt zu ziehen. Und auf der einen Seite komme ich mir sehr unprofessionell vor und auf der anderen Seite denke ich, warum sollte ich vor lauter Professionalität einen guten Freund weniger haben.

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