Eine von Vielen

Am Donnerstag habe ich die kleine Bibi kennengelernt, einen Persönlichkeitsanteil meiner Klientin Frau L. Ich habe ein paar Unterlagen kopiert und komme zurück ins Büro, lege ihr die Originale wieder hin und frage sie, ob sie die wieder zusammentackern möchte. Es dauert eine Minute bis ich verstanden habe, dass da nicht mehr Frau L. ist sondern Bibi. Und Bibi möchte keine Post bearbeiten. Ihr Kinderblick entdeckt sofort eine bunte Kinderzeichnung an der Pinnwand und fragt, wer das gemalt hat. Sie schenkt mir Kinderschokolade und wir essen jeder ein Riegelchen und besprechen, dass wir etwas zusammen spielen können, wenn wir uns das nächste mal treffen. Sie sei sehr gut in Memory, verrät sie mir. Dann verabschiedet sie sich und Frau L. kommt zurück.

Seit drei Monaten unterstütze ich Frau L., welche aufgrund massiver Traumatisierungen in der Kindheit eine Dissoziative Identitätsstörung (DIS) entwickelt hat. Frau L. ist 40 Jahre alt, die kleine Bibi dagegen erst vier. Frau L. hat mir schon vor einiger Zeit von Bibi und den anderen erzählt und dass Bibi neugierig auf mich ist und mich kennenlernen möchte. Aber es gibt auch Anteile, die Angst davor haben, weshalb Bibi ein bisschen warten musste, bis sie sich mir zeigen durfte. „War es schlimm?“, fragt mich Frau L. etwas später und es berührt mich zu merken, wie sehr sie sich vor negativen Reaktionen fürchtet. Kindisch sei sie oft genannt worden.

Frau L. ist bereits seit 20 Jahren in psychiatrischer Behandlung, seit sie nach dem Tod ihrer Oma eine Essstörung entwickelte und sich fast zu Tode hungerte. Zahlreiche Narben auf ihren Armen zeugen von Selbstverletzungen. Dass sie keine Borderlinestörung sondern DIS hat, wurde erst bei einem Klinikaufenthalt vor wenigen Jahren diagnostiziert. Von einem länger zurück liegenden Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hat sie mir erzählt, dass sie oft in dem Moment zu sich gekommen bzw. wieder nach vorne gekommen sei, als ihr eine Schwester eine Tavor in den Mund steckte mit den Worten „Jetzt nehmen Sie mal eine Tablette, dann werden Sie ruhiger.“ Vermutlich sei davor einfach eine hibbelige oder ängstliche kleine Persönlichkeit dagewesen.

Es kann gut sein, dass sich mir noch mehr Persönlichkeiten vorstellen werden, schriftlichen Kontakt hatte ich bereits zur 11jährigen Anna und dem 16jährigen Kai. Und natürlich kann es sein, dass mich die ein oder andere Begegnung verunsichern wird. Aber Frau L. hat ein gutes Gespür für andere Menschen und bisher hat sie es mir leicht gemacht, sie kennenzulernen und mir offen gesagt, was ihr bei der Unterstützung wichtig ist. Ich weiß, wenn ich mir bei etwas unsicher bin, kann ich sie fragen. Ich vertraue ihr und ich hoffe, sie kann mir auch irgendwann vertrauen. „Bibi checkt ab“, hat sie mir erklärt.