Angst um den Angstmann

Das war dann wieder so eine Gelegenheit, bei der ich mir gewünscht habe, ich hätte einen Job, bei dem ich einfach Akten von einer Seite des Schreibtisches auf die andere stapeln könnte. Denn nachts wache ich auf, sehe vor meinem inneren Auge wie Herr F. an einer Überdosis von was auch immer oder an seinem Erbrochenen erstickt in seinem Zimmer liegt und versuche den Gedanken weit weg zu packen und mir stattdessen vorzustellen, es gehe ihm gut, ich würde ihn friedlich schlafen sehen und zupfe in Gedanken seine Bettdecke zurecht.

Als ich morgens aufstehe, mache ich als erstes mein Diensthandy an, immer noch keine Nachricht von Herrn F. „Ach, sterbt doch einfach alle!“, schimpfe ich vor mich hin und weiß gar nicht, warum sich jetzt plötzlich Wut in meine Sorge mischt. Am Tag zuvor hatte ich morgens eine Nachricht von ihm bekommen, seine Oma wäre gestorben und deshalb würde er für heute absagen und mich bitten, seinen Termin bei der Suchtberatung zu verschieben. Dort bringe ich ihn normalerweise hin, denn Herr F. hat neben einer Depression auch eine generalisierte Angststörung, die es ihm oft nicht ermöglicht, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen oder überhaupt nur alleine das Haus zu verlassen. Dazu gesellt sich ein Suchtproblem, besonders Cannabis ziehe ihm dabei den Stecker, so Herr F. selbst, denn das würde dazu führen, dass er erst Recht nicht aus dem Haus ginge. Den Alkohol habe er inzwischen meistens im Griff, aber ich weiß, dass ihm auch das regelmäßig wieder entgleitet. Es ist noch nicht lange her, dass wir gemeinsam sehr viel Altglas entsorgt haben.

Kurz vor Feierabend meldet sich seine Freundin dann bei mir, die sich zur Zeit in der psychiatrischen Klinik befindet. Sie sei in großer Sorge um Herrn F., er habe sich beim Drogenkonsum nicht im Griff und sie befürchte, dass ernsthafte Gefahr bestünde. Hm, dass es da jetzt weder um Alkohol noch Cannabis geht, ist klar. Von meiner Kollegin, die die Freundin von Herrn F. unterstützt, weiß ich, dass er neulich Liquid Ectasy genommen hat. Ich google das kurz, lese was von Narkosemittel und klicke direkt wieder weg, weil das mein Kopfkino nur mit noch mehr unguten Bildern füttert. Also versuche ich, ebenfalls Kontakt zu ihm aufzunehmen und als am nächsten Tag immer noch keine Nachricht da ist, bin ich extrem alarmiert und beratschlage mich gerade mit meinen Kolleginnen und Kollegen, was jetzt zu tun ist, da kommt doch noch eine Entwarnung von Herrn F. bei mir an.

Kurze Zeit später sitze ich mit ihm in der Küche und bin einfach nur erleichtert, obwohl er mir mit Tränen in den Augen davon erzählt, dass er es nicht geschafft hat, seine Oma nochmal zu besuchen, trotzdem er gewusst habe, dass es bald zu Ende gehe und ihm so – mal wieder – die Einschränkungen seiner Erkrankung vor Augen geführt wurden. „Natürlich merke ich die ja täglich, und doch …“ Er lässt den Rest des Satzes in der Luft hängen, wir reden noch eine Weile, so offen wie heute ist er selten, aber Tröstendes für ihn finde ich nicht. Nur für mich, denn auch wenn es ihm schlecht geht, aus schlecht kann besser werden, aber tot ist tot. So schlicht kann die Welt für eine kurzen Moment sein.

Eine von Vielen

Am Donnerstag habe ich die kleine Bibi kennengelernt, einen Persönlichkeitsanteil meiner Klientin Frau L. Ich habe ein paar Unterlagen kopiert und komme zurück ins Büro, lege ihr die Originale wieder hin und frage sie, ob sie die wieder zusammentackern möchte. Es dauert eine Minute bis ich verstanden habe, dass da nicht mehr Frau L. ist sondern Bibi. Und Bibi möchte keine Post bearbeiten. Ihr Kinderblick entdeckt sofort eine bunte Kinderzeichnung an der Pinnwand und fragt, wer das gemalt hat. Sie schenkt mir Kinderschokolade und wir essen jeder ein Riegelchen und besprechen, dass wir etwas zusammen spielen können, wenn wir uns das nächste mal treffen. Sie sei sehr gut in Memory, verrät sie mir. Dann verabschiedet sie sich und Frau L. kommt zurück.

Seit drei Monaten unterstütze ich Frau L., welche aufgrund massiver Traumatisierungen in der Kindheit eine Dissoziative Identitätsstörung (DIS) entwickelt hat. Frau L. ist 40 Jahre alt, die kleine Bibi dagegen erst vier. Frau L. hat mir schon vor einiger Zeit von Bibi und den anderen erzählt und dass Bibi neugierig auf mich ist und mich kennenlernen möchte. Aber es gibt auch Anteile, die Angst davor haben, weshalb Bibi ein bisschen warten musste, bis sie sich mir zeigen durfte. „War es schlimm?“, fragt mich Frau L. etwas später und es berührt mich zu merken, wie sehr sie sich vor negativen Reaktionen fürchtet. Kindisch sei sie oft genannt worden.

Frau L. ist bereits seit 20 Jahren in psychiatrischer Behandlung, seit sie nach dem Tod ihrer Oma eine Essstörung entwickelte und sich fast zu Tode hungerte. Zahlreiche Narben auf ihren Armen zeugen von Selbstverletzungen. Dass sie keine Borderlinestörung sondern DIS hat, wurde erst bei einem Klinikaufenthalt vor wenigen Jahren diagnostiziert. Von einem länger zurück liegenden Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hat sie mir erzählt, dass sie oft in dem Moment zu sich gekommen bzw. wieder nach vorne gekommen sei, als ihr eine Schwester eine Tavor in den Mund steckte mit den Worten „Jetzt nehmen Sie mal eine Tablette, dann werden Sie ruhiger.“ Vermutlich sei davor einfach eine hibbelige oder ängstliche kleine Persönlichkeit dagewesen.

Es kann gut sein, dass sich mir noch mehr Persönlichkeiten vorstellen werden, schriftlichen Kontakt hatte ich bereits zur 11jährigen Anna und dem 16jährigen Kai. Und natürlich kann es sein, dass mich die ein oder andere Begegnung verunsichern wird. Aber Frau L. hat ein gutes Gespür für andere Menschen und bisher hat sie es mir leicht gemacht, sie kennenzulernen und mir offen gesagt, was ihr bei der Unterstützung wichtig ist. Ich weiß, wenn ich mir bei etwas unsicher bin, kann ich sie fragen. Ich vertraue ihr und ich hoffe, sie kann mir auch irgendwann vertrauen. „Bibi checkt ab“, hat sie mir erklärt.

Was mir Herr G. über Drogen beigebracht hat

Nun also Phenibut. Ich habe schon davon gehört, weiß aber nicht mehr was. Also lasse ich mir von Herrn G. kurz schildern, was das für eine Substanz ist, ein Medikament aus der Sowjetunion, welche am GABA-Rezeptor andockt. Bei ihm würde es angstlösend wirken, ihn redseliger machen – wie bei anderen Menschen Alkohol – und ihm deshalb bei seinen sozialen Ängste helfen. Er selbst trinkt nie etwas, hat sich aber im Laufe seines jungen Lebens schon durch eine breite Palette psychoaktiver Substanzen konsumiert. Mein Wissen über Drogen aller Art hat sich enorm erweitert seit Herr G. mein Klient ist.

Tilidin, Ketamin, Kratom, Amphetamine, MDMA, Heroin, Opium, Benzodiazepine – dank des Internets ist es problemlos möglich, sich all das nach Hause schicken zu lassen, sich über die Einnahme, Wirkweisen und Dosierungen zu informieren ohne andere Leute persönlich zu kennen, die es ebenfalls nehmen. Herr G., mittlerweile 23 Jahre alt, ist so als Jugendlicher zu einer Opiat- bzw. Opioidabhängigkeit gekommen, ohne Dealer, ohne Kontakte zu einer Szene, als Gymnasiast aus sogenanntem gutem Hause, der seinen Konsum so lange es ging nicht nur vor seinen Eltern, sondern auch vor den spärlichen Freunden und seinen Mitschülern verheimlicht hat.

Als ich ihn im Anschluss an eine stationäre Reha-Behandlung kennenlerne, weiß ich, dass er neben seinen psychischen Erkrankungen auch eine Suchterkrankung hat, gehe aber naiverweise von einer Abstinenz aus, obwohl er im Vorstellungsgespräch selbst erzählt hat, dass er nach wie vor Suchtdruck habe. Als mir sein Mitbewohner nach ein paar Wochen erzählt, Herr G. würde wieder Heroin rauchen, lande ich also unsanft auf den Boden der Tatsachen.

Eigentlich dürfen in WGs des Ambulant Betreuten Wohnens keine Drogen konsumiert werden. Andererseits ist mir ziemlich klar, dass ihm sicher nicht geholfen wäre, wenn wir ihn jetzt rausschmeißen. Selbst die Androhung eines Rausschmisses beim nächsten Mal, hätte nur dazu geführt, dass er den Konsum besser verheimlicht hätte. Wegen eines Rückfalls ist er bereits aus einer Jugendeinrichtung geflogen, bevor er die stationäre Therapie angetreten hat. Aber so eine Entscheidung kann ich natürlich nicht alleine treffen. Also diskutieren wir im Team darüber und beschließen, dass er bleiben kann, wenn er mit mir im Austausch über das Thema bleibt und eine Suchtberatung kontaktiert.

Seitdem sind drei Jahre vergangen. Im ersten Jahr hatte er zahlreiche Rückfälle, die ihn psychisch stark destabilisierten. Bis ich ihn schließlich dazu dränge, sich entweder für die Substitution zu entscheiden oder zu einer dauerhaften Abstinenz. Also besorgt er sich erst einmal illegal das Subsitutionsmittel Buprenorphin und nimmt es einige Wochen, während wir gemeinsam den Kontakt zu einem Substitutionsarzt aufnehmen. Letztlich entschließt er sich aber doch zu einem Entzug und zur Abstinenz von Opioiden, die ihm bis auf sehr wenige Rückfälle gelungen ist.

Inzwischen macht er eine Ausbildung und kann sich nach wie vor kein komplett drogenfreies Leben vorstellen, hat einige Zeit positive und negative Erfahrungen mit Ketamin und Amphetaminen gesammelt, kriegt aber sein Leben im großen und ganzen auf die Reihe. In den drei Jahren habe ich mir immer wieder Sorgen um ihn gemacht, habe mir anfangs genau die Dosierungen der verschiedenen Substanzen schildern lassen, bin inzwischen aber deutlich gelassener geworden. Er hat ein Problembewusstsein, was sein Suchtverhalten betrifft und es ist ihm extrem wichtig, seine Ausbildung abzuschließen. Wenn ihm die Dinge zu entgleiten drohen, hat er es immer wieder geschafft, die Notbremse zu ziehen und das gemeinsame reflektieren seiner Konsumgewohnheiten haben mit dazu beigetragen, dass er sich diese nicht so einfach schönreden kann.

Ich habe die Entscheidung, ihm nicht zu kündigen, sondern ihm eine Gesprächspartnerin zu sein, nicht bereut. Schließlich ist Sucht ein Thema, was in der Psychotherapie schlecht bearbeitet werden kann, da Abstinenz dafür eigentlich eine Voraussetzung ist. Auch wenn das Thema Sucht ihn sicher immer oder zumindest noch lange Zeit begleiten wird und das Verlangen nach Opiaten nach wie vor da ist, bin ich inzwischen zuversichtlich, dass er seinen Weg gehen wird.

Vom Klient zum Freund

Nachdem ich im vorherigen Blogbeitrag ausführlich dargestellt habe, wie wichtig es ist, die richtige Distanz zu den Klientinnen und Klienten einzunehmen, kommt jetzt ein Beispiel dafür, warum das nicht immer einfach ist und warum es auch schön sein kann, mal einen professionellen Grundsatz über Bord zu werfen.

Denn da ist Stephan, den ich fast zwei Jahre als meinen Klienten unterstützt habe, der ist vor ziemlich genau einem Jahr nach Hamburg gezogen, um dort zu studieren. Er ist zwar kaum mehr als halb so alt wie ich, aber klug und witzig und war einer meiner Lieblingsklienten, denn wir haben viel miteinander gelacht. Mir ist das selbst oft gar nicht so aufgefallen, aber eine Kollegin meinte zum Beispiel ganz neidisch, sie möchte jetzt auch mal einen Klienten, mit dem es so viel zu Lachen gäbe. Gemeinsam haben wir den Umzug nach Hamburg vorbereitet und haben viel Zeit miteinander verbracht. Die ursprünglich einstündigen Termine haben irgendwann so lange gedauert bis ich den nächsten Termin hatte und das waren dann oft direkt mal zwei Stunden. Und nachdem klar war, dass er sowieso in ein paar Wochen weg sein würde, habe ich mir auch keinen Kopf darüber gemacht, es gab schließlich viel zu tun und zu reden.

Nun ist es natürlich nicht ganz leicht, in einer fremden Stadt Fuß zu fassen und deshalb war ich immer etwas besorgt, er könne im fremden Hamburg in ein Loch fallen. Dass er bisweilen suizidale Krisen hatte, wusste ich und deshalb hatte ich vor, in der ersten Zeit ab und an mit ihm zu telefonieren – zumindest so lange, bis er beim Ambulant Betreuten Wohnen in Hamburg gut gelandet war.

Also haben wir ungefähr alle zwei Wochen miteinander telefoniert, wie ich das so beim Arbeiten mache, mit Termin. Und nach zwei/drei Monaten hatte ich das Gefühl, so aus professioneller Sicht kann ich jetzt loslassen. Aber auf einer persönlichen Ebene irgendwie nicht. Also habe ich gesagt, „Ich lasse Sie frei“ und habe ein kurzes Stutzen in der Leitung ob meiner kryptischen Bemerkung gehört und dann erklärt, wie ich es meine: Dass ich weiter gerne Kontakt zu ihm hätte, wir das Verhältnis jetzt aber insofern normalisieren, dass wir dafür keine Termine mehr machen, sondern uns über Nachrichten oder am Telefon so austauschen, wie wir wollen.

Und so habe ich nicht mehr während meiner Arbeitszeit Kontakt zu ihm gehabt, sondern während meiner Freizeit ab und an mit ihm telefoniert. Und als er über Weihnachten hier im Süden zu Besuch war, haben wir uns getroffen und einen netten Abend miteinander verbracht, an dem dann noch der letzte professionelle Anstrich abgekratzt wurde, das Sie. Und nun telefonieren wir regelmäßig miteinander, sehen uns alle paar Monate, wenn er hier im Süden ist. In Hamburg habe ich ihn auch schon besucht und wir hatte viel Spaß dabei, gemeinsam durch die Stadt zu ziehen. Und auf der einen Seite komme ich mir sehr unprofessionell vor und auf der anderen Seite denke ich, warum sollte ich vor lauter Professionalität einen guten Freund weniger haben.

Was ist eigentlich eine professionelle Beziehung?

Was mich von Anfang an in meiner Arbeit beschäftigt, ist die Frage, wie ich eigentlich das Verhältnis zu meinen Klienten gestalte. Was für eine Art von Beziehung ist das? Welche Regeln gelten dafür? Wieviel Nähe ist gut und ab welchem Punkt wird es eigentlich zu nah? Was ist zu nah für mich? Was ist zu nah für meine Klientinnen und Klienten? Und wie kann ich das aktiv beeinflussen, also wie stelle ich gezielt einen bestimmten Abstand ein?

Womöglich sind das Themen, mit denen ich mich bereits während meines Studiums hätte beschäftigen können, habe ich aber nicht – aus vielerlei Gründen. Und da ich erst 16 Jahre nach dem Ende meines Studiums in der sozialen Arbeit gelandet bin, hätte wahrscheinlich sowieso das allermeiste vergessen. Und ohne die konkrete zu reflektierende Erfahrung, wäre alles Theoretische mit Sicherheit sehr blutleer gewesen. Nun habe ich aber drei Jahre Erfahrung gesammelt und kann ein paar Schlüsse daraus ziehen, wohl wissend, dass ich bei dem Thema noch lange nicht zu Ende bin.

Wofür Nähe gut ist

Eine positive Beziehung ist tatsächlich das zentrale Element der guten Zusammenarbeit mit meinen Klientinnen und Klienten. Dazu gehört auf jeden Fall ein gewisses Maß an Vertrauen. Denn sie müssen einiges von sich Preis geben, damit ich sie unterstützen kann. Egal ob es jetzt darum geht, mir ihre Post zu zeigen oder sich von mir begleiten zu lassen, weil sie alleine zu viel Angst vor einem bestimmten Termin oder überhaupt davor haben, das Haus zu verlassen. Ob es darum geht, von ihren Beziehungen zu anderen Menschen zu erzählen oder davon, welche illegalen Substanzen sie konsumieren. Schließlich schämen wir uns doch gerade für Sachen, die wir nicht gut hinbekommen oder die einfach nicht gut laufen, und diese Dinge muss jemand offenbaren, um Unterstützung bekommen zu können. Die vernachlässigte Wohnung, der vernachlässigte Körper, die ungeöffnete Post, der gewalttätige Freund, die verrückte Mutter, die Schulden, das Versagen, das Ungenügen, die Traurigkeit, das Erstarren, das Vermeiden, die Angst, die ANGST.

Und wie geht das nun mit der positiven Beziehung, mit dem Vertrauen? Wie stelle ich das her? Indem ich mich für mein Gegenüber interessiere, ernst nehme, was mir jemand sagen möchte, indem ich seine Gedanken und Handlungen verstehen will und dabei darauf achte, ihn oder sie nicht zu sehr zu bedrängen, indem ich Raum gebe, Kontrolle lasse. Indem ich die positiven Seiten einer Person wertschätze, indem wir gemeinsam lachen, die gemeinsame Zeit genießen. Indem ich mich verlässlich und gut einschätzbar mache für mein Gegenüber.

Für mich heißt das auch, dass ich von mir erzähle und meinen Klientinnen und Klienten die Möglichkeit gebe, mich kennen zu lernen. Wenn mich jemand etwas fragt, dann gebe ich in der Regel auch eine ehrliche Antwort darauf. Das heißt, meine Klientinnen und Klienten können wissen, wohin ich in den Urlaub fahre, was ich an Weihnachten mache, welche Serien ich gerne schaue, dass ich keine Kinder habe, in meiner Freizeit Gemüse anbaue, Yoga und Aikido mache, mit meinem Freund zusammen wohne usw. Mir ist durchaus bewusst, dass Therapeutinnen und Therapeuten nicht so viel von sich erzählen und dafür haben sie bestimmt gute Gründe und vermutlich können sie trotzdem Nähe herstellen. Das ist hier auch sicherlich nicht als Anleitung oder gute Praxis zu lesen, sondern einfach das, wie ich es mache oder auch machen möchte. Heißt ja auch nicht, dass es mir immer gelingt, eine positive Beziehung aufzubauen.

Wie nah ist zu nah für mich?

Was für mich zu nah ist, das habe ich noch nicht fertig mit mir ausgehandelt. Aber ich bin manchmal an Punkte gekommen, wo ich gemerkt habe, dass mir etwas zu Nahe geht, ich also offensichtlich eine für mich hilfreiche Distanz unterschritten habe. So war ich zum Beispiel ein Jahr die Bezugsperson einer sehr psychoseanfälligen temperamentvollen Südamerikanerin, einige Jahre älter als ich, die mich immer wieder sehr angerührt hat. In guten Zeiten konnte sie sich auf die Unterstützung einlassen, war sehr freundlich, wir haben zusammen gelacht und Kaffee getrunken und haben gemeinsam die Scherben der letzten Psychose zusammengekehrt wie horrende Telefonrechnungen beglichen, weggeworfene Handys oder Fernseher wiederbeschafft, uns um Anzeigen wegen Körperverletzung gekümmert usw. In schlechten Zeiten hat sie die Unterstützung gekündigt, ist schimpfend und obszöne Gesten machend im Büro aufgetaucht, hat die Nachbarn angegriffen und wurde oft von der Polizei in die psychiatrische Klinik gebracht. Dann hat sie mir auch immer wieder vorgeworfen, Fehler zu machen, eine schlechte Sozialarbeiterin und ein böser Mensch zu sein. Natürlich war mir immer klar, dass dies Ausdruck ihrer Erkrankung ist und anfangs konnte ich das auch problemlos wegstecken, aber zunehmend merkte ich, wie es mich persönlich verletzte, wenn sie mich beschimpfte, vor allem wenn es mir selbst nicht so gut ging. Durch die Nähe zu ihr, hatte ich mich zu verletzlich gemacht, um weiterhin gut mit ihr zusammenzuarbeiten.

Nun mag das ein extremes Beispiel sein und in der Praxis nicht ständig vorkommen. Aber dass mich das Schicksal der Klientinnen und Klienten zu sehr mitnimmt, habe ich öfter erlebt. Dass ich einmal mit einer Klientin zusammen geweint habe, dass mich die Depression eines jungen Mannes zu tief nach unten gezogen hat oder dass ich mir ernsthafte Sorgen um jemanden mache, kommt immer wieder vor und da ist der Grat schmal, auf dem ich mich bewege.

Was ist für die Klientinnen und Klienten zu nah?

Da wird es natürlich gleich ein bisschen schwieriger, einen Gradmesser zu finden, schließlich haben die Klientinnen und Klienten sicher unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe und halten Nähe unterschiedlich gut aus. Was ich eindeutig zu nah finde, ist wenn ich meine eigenen Bedürfnisse nach Zuneigung, Anerkennung o.ä. versuche in einer professionellen Beziehung zu befriedigen. Schließlich geht es da nicht um mich. Und darüber hinaus sind nicht wenige Klientinnen und Klienten so aufgewachsen, dass ihre Bedürfnisse hinter denen von nahen Bezugspersonen zurück gestanden sind und da ist es sicher besonders wichtig, Beziehungserfahrungen machen zu können, die frei von emotionalen Ansprüchen sind.

Da viele psychische Erkrankungen mit Schwierigkeiten in Beziehungen zu anderen Menschen einhergehen, sollte ich distanziert genug sein, um nicht alle Verhaltensweisen gleich persönlich zu nehmen, also zum Beispiel nicht beleidigt zu sein, wenn jemand abweisend zu mir ist. Auch ist sicher nicht hilfreich, sich zu sehr von den Gefühlen der Angst, Hoffnungslosigkeit usw. der Klienten mitnehmen zu lassen. Denn dann kann ich keinen Halt mehr bieten.

Wie entsteht Distanz?

Anfangs hat es mich bei der Arbeit eher irritiert, dass wir unsere Klientinnen und Klienten in der Regel siezen, während sich alle Kolleginnen und Kollegen bei meinem Arbeitgeber duzen. Irritierend ist das deshalb, weil ich einige Kolleginnen fast nicht kenne und sie duze, während ich mit einigen Klienten recht vertraut bin und sie dabei sieze. Aber sicher ist es ein deutliches Zeichen, dass es sich hier um eine professionelle Beziehung handelt. Auch ist mein Diensttelefon am Abend und am Wochenende aus, da bin ich nicht erreichbar.

Und zwischen mir und den Klienten gibt es außer einem Handschlag keine körperlichen Berührungen. Ob das richtig ist, weiß ich nicht, schließlich glaube ich bei manchen zu spüren, dass sie durchaus auch mal gerne in den Arm genommen werden würden und ganz ehrlich, wenn ich ein weinendes Häufchen Elend vor mir habe, denke ich selbst bisweilen, eine Umarmung wäre eigentlich hier die richtige Maßnahme, wenn ich jemanden mit Worten nicht mehr erreichen kann. Aber da habe ich eine persönliche Grenze. Und da es einige Klientinnen und Klienten gibt, die körperlichen Missbrauch erfahren haben, sehe ich die körperliche Distanz auch als Schutz für sie an.

Soweit meine Überlegungen. Wie schwierig die Umsetzung ist, wird bestimmt in den nächsten Blogbeiträgen zu lesen sein.

Verräterin

Morgen werde ich eine meiner Klientinnen anrufen, aber ich gehe nicht davon aus, dass sie mit mir sprechen möchte. Als ich B. letzte Woche gesehen habe, hat sie mir gedroht, mich anzuzeigen und ich kann sogar verstehen, warum sie das gesagt hat. Schließlich war nicht nur ich und einer meiner Kollegen bei ihr, sondern auch vier Sanitäter, ein Notarzt, zwei Polizisten sowie drei Leute von der Feuerwehr. Und alle waren da, weil mein Kollege die 112 gewählt hat.

B. ist eine junge Frau, 29 Jahre alt. Ihr Studium der Chemie hat sie vor drei Jahren unterbrochen, weil sie erkrankt ist. Sie wird bereits seit zwei Jahren von unserem Team unterstützt, aber seit dem Sommer spitzten sich die Sympotme ihrer Erkrankung langsam aber sicher zu. Meine Klientin ist sie erst seit September. Sie wollte die Bezugsperson wechseln, weil sie meinen Kollegen vorwirft, in ihre Wohnung eingedrungen zu sein und dort etwas in ihren Kalender gemalt zu haben.

In den Gesprächen mit mir war viel die Rede davon, wie andere sie verletzt haben, dass andere ihr Offenheit missbraucht haben, sie deshalb niemandem mehr vertrauen kann. Bereits in ihrer Familie seien ihr Grenzen nicht geachtet worden, habe sie Gewalt erfahren.

Letzte Woche nun, ein Tag nach Weihnachten, war sie eindeutig psychotisch, hat einen Kollegen angegangen, hat Personen nicht mehr richtig zuordnen können, hat ihrer Nachbarin eine Tüte mit Wäsche vor die Türe gestellt und angezündet und stand schließlich wild schimpfend mit einem Pfefferspray vor uns, gleichzeitig voller Wut und Angst.

Mein Kollege und ich wollten nicht verantworten, sie so zurück zu lassen. Da sie nicht nur uns misstraut, sondern eigentlich dem ganzen Hilfesystem hat sie keinen Psychiater oder Psychiaterin, nimmt keine Medikamente und macht keine Therapie. Also haben wir den Notarzt angerufen, damit sie in die Klinik gebracht wird. Gegen ihren Willen. Was folgte war das ganz große Aufgebot, inklusive dem Aufbrechen ihrer Wohnung, wo sie sich im Badezimmer verschanzt hatte, so dass diese Türe ebenfalls gewaltsam geöffnet werden musste. Ihre große Angst, dass ihre Grenzen nicht geachtet werden, dass ihr persönlicher Raum verletzt wird, dass sie niemandem vertrauen kann, auch mir nicht, all das wurde wahr – mal wieder?

Während all das passierte, ich B. in Panik in ihrem Badezimmer schreien hörte, sagte mir mein Verstand, dass wir richtig gehandelt hatten, dass B. in die Klinik muss, dass ihr dort geholfen wird. Aber gefühlt habe ich mich wie eine Verräterin.

Meine Arbeit als Sozialtante

In meiner Arbeit unterstütze ich Menschen mit psychischen Erkrankungen im Rahmen des Ambulant Betreuten Wohnens. Meine Klientinnen und Klienten haben unterschiedliche Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen, Psychosen, Persönlichkeitsstörungen, Ängste, Zwänge oder Suchterkrankungen. Sie wohnen in eigenen Wohnungen oder in WGs und ich treffe sie meistens ein oder mehrmals die Woche, bei uns im Büro, in ihrem Zuhause, in einem Café oder ich begleite sie zu Ämtern, Ärzten, in den Supermarkt oder auf einen Spaziergang. Wir reden, schweigen, füllen Formulare aus, machen Telefonate, schreiben E-Mails, trinken Tee, spielen Tischkicker oder machen, was auch immer so ansteht.

An manchen Tagen beglückwünsche ich mich dazu, dass ich Geld dafür bekomme, dass ich mit netten Menschen Kaffee trinke und plaudere. An anderen Tagen frage ich mich, warum ich mir das antue, warum ich nicht bei meinem Schreibtischjob in der Bildungsarbeit geblieben bin, wo ich mehr verdient und ruhiger geschlafen habe.